Forschungsgeschichtliche Aspekte zur Archäologiein Lübeck seit dem 17. Jahrhundert | ||||||
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Das Interesse an der Frühgeschichte entwickelte sich in Lübeck bereits im 17. Jahrhundert, brachte doch 1666 der Historiograph Kunrat von Hövelen in seiner Städtebeschreibung von Lübeck Nachrichten Über »heimische Alterthümer«. Im frühen 18. Jahrhundert ist es dann vor allem Jakob von Melle, Hauptpastor an St. Marien und »Vater der Lübeckischen Geschichtsschreibung«, der eine Sammlung nordischer Geschichtsquellen anlegt, darunter Urnen und menschliche Knochen, Münzen und einige 'guldgubber' von Bornholm. Als Lubecensien sammelt er dagegen nur Bestandteile weiblicher Trachten aus vergangenen Epochen. Erst der 1802 verstorbene Syndicus und Domprobst Johann C. H. Dreyer hinterläßt neben Nachrichten Über Bodenfunde auch eine umfangreiche Sammlung Lübecker Urkunden und Münzen. Einige Jahre später, 1818, werden »Denkmäler der Kunst und des Altertums« unter den Schutz des Lübecker Staates gestellt, jede Veräußerung oder Vernichtung ohne besondere Erlaubnis ist untersagt. So wird die bedeutende Abteilung der kirchlichen Kunst des Mittelalters der Lübecker Sammlung begründet. 1821 wird bei der 1789 gegründeten »Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit« ein »Ausschuß für das Sammeln und Erhalten der Quellen und Denkmale der Geschichte Lübecks« eingerichtet, der später im Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde aufgeht. Dieser Verein initiiert und finanziert auch archäologische Forschungen, neben den ersten Untersuchungen von Grabhügeln im Waldhusener Forst erstmals dann im Jahre 1852 planmäßige Ausgrabungen in der ehemaligen slawischen Königsresidenz Alt Lübeck, der Vorgängerin der heutigen Hansestadt. Der Geschichtsverein kauft im Jahre 1859 das gesamte Gelände um Burg und Siedlung zum Schutz der Befunde und zum Zwecke ordentlicher Ausgrabungen auf in der Praxis ein Grabungsschutzgebiet, auf Staatskosten mit Graben und Hecke eingefriedigt. Es folgen weitere Ausgrabungen, die bereits mit erstaunlich modernen Methoden durchgeführt und detailliert publiziert werden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich zögernd das Interesse für mittelalterliche deutsche Alltagskultur. So rettet man 1866 Kloakenfunde vom Gelände der Lateinschule, Wachstafelbücher und Pritschhölzer, »die ein lebendiges Bild vom Schulbetrieb zwischen 1370 und 1400 liefern«, und bringt sie ins Museum. Ebenso verfährt man mit einzelnen Kugeltöpfen aus Harter Grauware. Für die weitere Erhaltung vorgeschichtlicher Denkmale ist eine Anordnung des Senats vom 1. Februar 1897 wichtig, den Schutz der vorgeschichtlichen Denkmäler im lübschen Freistaat betreffend. Trotzdem gibt es bei Großbaustellen in der Innenstadt, wie der neugotischen Post am Markt, dem Kanaldurchstich im Norden vor dem Burgtor oder dem Jugendstilbau des Theaters, keine wesentlichen Aufzeichnungen von Befunden oder Nachrichten über Funde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erscheinen allerdings immer mehr Aufsätze zu mittelalterlichen Themen wie Hausbau, Wasserversorgung, Abfallbeseitigung, Straßenbefestigungen etc. Dabei werden neben den schriftlichen Quellen auch häufig archäologische Beobachtungen angeführt, wobei die jeweiligen |
Doris Mührenberg, Lübeck | |||||
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Abb. 1 Grabungsführung in Alt Lübeck im Jahre 1906 | |||||
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Baumaßnahmen nur selten exakt dokumentiert werden. Im neueingerichteten Museum im Kloster St. Annen werden jetzt einige Lübecker Bodenfunde ausgestellt. Und im Jahre 1921 erfolgt ein neues Denkmalschutzgesetz, das ausdrücklich auch auf Bodenfunde eingeht. Unter Absatz 3 steht: »Nach Feststellung eines Fundplatzes lasse man alles so, wie man es gefunden hat, ... häufe ... über die freigelegte Stelle wieder schützende feuchte Erde. An die Luft gebracht, vergeht manches in Stunden. Kein Fundstück darf frisch gereinigt oder gar mit dem Taschenmesser angeschabt werden.« In der Zeit zwischen den Kriegen beklagen Historiker und Archäologen die Zerstörung prähistorischer Denkmale, denn man wird sich der Bodenfunde als Geschichtsquelle bewußt. So schreibt Johannes Warncke in der Lübeckischen Zeitung: »Ja, wir sind auf sie (die Bodenfunde) z.T. angewiesen, um unsere Kenntnis vom alten Lübeck zu ergänzen und zu erweitern. Und gerade der Boden einer solchen Stadt wie Lübeck weiß zu reden.« Einen neuen Impuls erfährt die Lübecker Archäologie nach dem Zweiten Weltkrieg, als ein Fünftel der Innenstadt durch Bomben zerstört darniederliegt. Dr. Werner Neugebauer, Museumsdirektor aus Elbing, nach Lübeck verschlagen, beginnt beim Wiederaufbau der bombenzerstörten Areale mit archäologischen Untersuchungen, die zunächst nur sehr punktuell und unter Zeitdruck stehend, durchgeführt werden können, dennoch aber, vor allem durch systematische Auswertung und die Bergung der Kloakeninhalte eine neue Epoche lübscher Kulturgeschichtsforschung eröffnen: die Erforschung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Alltags. Diesen Forschungen ist zu verdanken, daß sich Lübeck zu einem der wichtigsten Zentren der Mittelalter-Archäologie in Deutschland entwickelt. Diese Epoche schließt einerseits das Denkmalschutzgesetz von 1958 ein, in dem Lübeck als Obere Denkmalschutzbehörde (sowohl für oberirdische wie auch für archäologische Denkmäler) verankert wird, andererseits die Gründung eines Amtes für Vor- und Frühgeschichte (Bodendenkmalpflege) im Jahre 1963. Die folgenden Jahrzehnte sind geprägt durch intensive Untersuchungen in der Innenstadt, die zu Großgrabungen mit mehre | |||||
Literaturauswahl:
Johannes Baltzer, Die Aufgaben und die gesetzlichen Grundlagen des Heimatschutzes, in: Lübecker Heimatbuch 1926, 293302. Alfred Falk und Doris Mührenberg, Geschichte der Lübecker Archäologie, hrsg. von der Archäologischen Gesellschaft der Hansestadt Lübeck e.V. (= Jahresschrift 1, 1996), Lübeck 1997. Manfred Gläser und Doris Mührenberg (Hrsg.), Schutt und Scherben. Lübeck nach dem Krieg. Eine Festgabe für Dr. Werner Neugebauer, Lübeck 1998. 150 Jahre Lübecker Museen. Eine Festschrift, Lübeck 1950. Doris Mührenberg, 50 Jahre Stadtkernarchäologie in Lübeck Ein Aufstieg aus Schutt und Scherben, in: Lübeckische Blätter 164, 1999, Heft 12, 175180. Werner Neugebauer, Vorgeschichtsforschung und Bodendenkmalpflege in der Hansestadt Lübeck bis zum Jahre 1973, in: Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 17, 1988, 1013. Werner Neugebauer, Ausgrabungen in Lübeck. Ein RÜckblick auf einen schwierigen Anfang, in: Lübeckische Blätter 153, 1988, Heft 10, 172175.5 | |||||
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Abb. 2 Baugrube für das neue Jugendstil-Theater in der Lübecker Beckergrube | |||||||
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ren Tausend Quadratmetern führen und neue Erkenntnisse zu Hausbau, Siedlungs- und Alltagsgeschichte erbringen. Es wurde zudem seit Beginn der Grabungstätigkeit großer Wert auf die Publikation der Befunde und Funde gelegt, sei es in wissenschaftlicher oder auch in populärer Form. So erschienen u.a. bis jetzt die »Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte« (Band 125), die »Lübecker Kolloquien zur Stadtarchäologie im Hanseraum« (Band 12) und die »Ausstellungen zur Archäologie in Lübeck« (Band 13). Und auch die Forderung nach einem Museum für die archäologischen Funde, bereits 1950 von Werner Neugebauer gefordert, wird im neuen Jahrtausend Wirklichkeit: Die Lübecker Bürgerschaft beschloß im November 2000 die Einrichtung eines Archäologischen Museums im Kulturforum Burgkloster. | |||||||
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Doris Mührenberg M.A. Hansestadt Lübeck, Bereich Archäologie Meesenring 8, 23566 Lübeck | |||||||
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Die Erforschung ländlicher Siedlungen in der Schweiz | ||||
Michael Schmaedecke, Liestal |
Nachdem die archäologische Erforschung früh- und hochmittelalterlicher ländlicher Siedlungen in der Schweiz neben den Untersuchungen von Gräberfeldern, der Kirchenarchäologie, der Burgenforschung wie auch der Stadtarchäologie bis vor einigen Jahren eher ein Schattendasein geführt hat, erlebt diese Forschungsrichtung derzeit einen Aufschwung. Diese Entwicklung kann damit erklärt werden, dass archäologische Grabungen zumeist von aussen durch Baumassnahmen vorgegeben werden und der Veränderungsdruck auf dem »flachen Land« (womit auch die Kerne ländlicher Gemeinden oder von Kleinstädten gement sind) bisher nicht so stark war wie in den Städten. In den letzten Jahren nehmen die Baumassnahmen in diesen Bereichen jedoch stark zu, was mehrere Grabungen ausgelöst hat. Vielfach werden archäologische Untersuchungen auch durch neue Strassen- oder Bahnbauten ausgelöst. Als förderlich für die Untersuchung von Siedlungsarealen wirkt zudem die Tatsache, dass sich das Bewusstsein über die Bedeutung der ländlichen Siedlungsreste als archäologische Quellen nicht nur bei der interessierten Bevölkerung und den politischen Institutionen sondern nicht zuletzt auch bei den zuständigen Fachbehörden stark erhöht hat. Das Gebiet der heutigen Schweiz umfasst verschiedene Landschafts- und Wirtschaftsräume, die zu unterschiedlichen Siedlungsstrukturen geführt haben. Das Mittelland mit den Hauptanbau- und Siedlungsflächen, das sich zwischen den Alpen und dem Jura erstreckt, macht lediglich 3/10 der gesamten Fläche aus. Über 50 % der Fläche der Schweiz liegt über 1000 m und knapp 30 % über 1800 m Höhe. Bis etwa 8001000 m kann Getreide angebaut werden, stellenweise in exponierten Südlagen auch noch bis zur Waldgrenze (zwischen 1500 und 2000 m). Lagen über 1500 m wurden temporär für die Milchwirtschaft genutzt. Auch die historischen Bedingungen, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden kann, hatten Auswirkungen auf die Ausformung spezieller Strukturen des Siedlungswesens (z. B. die Formen der Siedlungskontinuität im Bereich antiker Niederlassungen oder die hochalpinen Siedlungen). | |||
Forsc<hungsgeschichte |
Die systematische Erforschung früh- und hochmittelalterlicher ländlicher Siedlungen begann in den 40er Jahren unter Walter Guyan im Kanton Schaffhausen. Weitere Grabungen Guyans erfolgten in den 50er bis 70er Jahren. Hier ist vor allem die Siedlung Berslingen anzuführen. Nach diesen Ansätzen fanden zunächst jedoch nur vereinzelt grösserflächige Untersuchungen statt. Besonders zu erwähnen sind dabei die seit den 70er Jahren von Werner Meyer durchgeführten Forschungen in hochalpinen Siedlungen. Seit der Mitte 80er Jahre ist ein Ansteigen der Untersuchungen mittelalterlicher ländlicher Siedlungsreste zu beobachten. Zu nennen sind hier insbesondere die Grabungen in Develier/Courtételle JU, Lausen-Bettenach BL, Mévilier BE, Reinach BL, Schleitheim und SH Sézegnin GE. In der Regel werden die archäologischen Untersuchungen von den kantonalen archäologischen Behörden, einzelne Projekte zuweilen auch von Grabungsfirmen oder selten im Rahmen von Forschungsprojekten auch von den Universitäten durchgeführt. Was den Publikationsstand betrifft, so ist im Jahr 2000 mit der Bearbeitung der Siedlung Berslingen SH erstmals eine Untersuchung einer ländlichen Siedlung in dem heute erforderlichen Stan | |||
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Anzahl der Grabungen in ländlichen Siedlungen (nach Angaben im Jahrbuch SGUF) | |||||||
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dard publiziert worden. Verschiedene weitere Auswertungen und deren Drucklegung sind jedoch im Gange, so dass in den nächsten Jahren deren Vorliegen zu erwarten ist. | |||||||
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Bei der Auswahl der Siedlungsplätze wurde oftmals auf die hydrologischen Situationen Rücksicht genommen. Die Siedlungen liegen daher vielfach auf den Hochgestaden oberhalb von Gewässern in leichten Hanglagen, wo bei starken Regenfällen das Wasser abfliessen kann. Vereinzelt wurden vor Baubeginn die anstehenden Humusschichten oder auch B-Horizonte abgetragen, um die Häuser auf wasserdurchlässigen Schichten erbauen und damit die Siedlungsareale trocken halten zu können. Einige Siedlungen legte man auch gezielt auf Kiesrippen an. Wenn das Wasser benötigt wurde, weil man es offenbar zur Gewinnung von Energie nutzte, konnten Siedlungen, wie beispielsweise die Siedlungen Develier und Courtételle JU, auch trotz einer latenten Überschwemmungsgefahr direkt an einem Bach gelegen sein. Die Standorte der nur temporär bewohnten Alpsiedlungen waren durch die Weidegebiete vorgegeben. Dort wurden aufgrund eines grossen Siedlungsdrucks insbesondere seit dem 11. Jh. auch vielfach äusserst ungünstige Lagen besiedelt, die jedoch oftmals später wüst wurden. Bei der Anlage der Alpsiedlungen spielte zudem die Sicherheit vor Lawinen eine wichtige Rolle. In der mittleren und der nördlichen Schweiz waren für Wohnbauten ebenerdige Holzbauten die Regel. Waren auf dem Zürcher Münsterplatz bereits im 9. Jahrhunderts Schwellbalkenkonstruktionen zu beobachten, scheint die Mehrzahl der Häuser im ländlichen Bereich jedoch in Pfostenbauweise erstellt gewesen zu sein. Insbesondere in den romanisch beeinflussten Regionen wurden Gebäude auch in Stein errichtet. Es finden sich aus Stein erbaute Kirchen jedoch auch in sogenannten «Holzbau-Landschaften». Andererseits sind Holzkirchen aber auch in sogenannten «Steinbau-Landschaften» wie dem Tessin oder in den westlichen Landesteilen vertreten. Daneben gibt es Kirchen in Mischbauweise, also Holzgebäude mit einem Fundament aus Stein. Entsprechende Bauweisen sind wahrscheinlich auch für Profanbauten anzunehmen. Die Bauten der hoch- und spätmittelalterlichen Alpsiedlungen bestehen im allgemeinen aus Trockenmauerwerk, was insbesondere mit dem Nichtvorhandensein von Holz oberhalb der Baumgrenze zu erklären ist. Wenn es sich anbot, wurden vorhandene Felsblöcke als Wände genutzt oder unter Steinverstürzen höhlenartige Bauten angelegt. |
Ergebnisse | ||||||
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Neben den Wohnbauten konnte in den Siedlungen das auch andernorts übliche Spektrum an Wirtschaftsbauten beobachtet werden, wie Ställe, Grubenhäuser, Vorratsgruben oder Heubergen. Es fanden sich auch Reste von Zäunen oder Gräben, die die Gehöfte von einander abtrennten. Die Anordnung der Bauten zueinander entspricht vielfach einem rechtwinkligen Raster. Die Schmalseiten der Häuser sind im allgemeinen nach Osten, bzw. Westen ausgerichtet, damit dem meist aus Westen wehenden Wind wenig Angriffsfläche geboten wurde. Innerhalb der Siedlungen finden sich Spuren einer Vielzahl handwerklicher Tätigkeiten, wobei in den letzten Jahren die Hinweise auf Metallhandwerke stark in den Vordergrund getreten sind, so dass man heute davon ausgehen kann, dass in jeder Siedlung Eisen geschmiedet wurde. In den Gegenden, in denen Eisen gewonnen werden konnte, wurde dies entweder direkt an den Abbaustellen oder in unmittelbarer Nähe der Siedlungen verhüttet, wie dies Rennofenreste oder Verhüttungsschlacken aufzeigen. Wir können davon ausgehen, dass es sich bei einigen Siedlungen um spezialisierte Handwerkersiedlungen gehandelt hat. So kam in Liestal-Röserntal BL eine auf die Eisenproduktion spezialisierte Siedlung des 9. - 11. Jh. zu Tage. Ein regelrechtes Keramik-Zentrum mit zahlreichen Brennöfen fand sich südlich von Basel im Bereich von Oberwil, Reinach und Therwil. Auch in der Siedlung Develier scheint die handwerkliche Produktion einen höheren Stellenwert als die Landwirtschaft eingenommen zu haben. | ||||
Entwicklungen |
Die bisher erfassten Siedlungsbefunde stellen meist nur Momentaufnahmen dar. Um zeitliche und räumliche Dimensionen, wie auch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen sowie Veränderungen der Umwelt erkennen zu können, bedarf es jedoch einer grösseren Zahl von Befunden und deren Bearbeitung. Ein interessanter Aspekt ist, dass die Siedlungen sowohl wandern, als von der Spätantike bis in das hohe Mittelalter konstant an einem Platz verbleiben können. Dass beides innerhalb eines kleinen Raumes möglich ist, haben beispielsweise im Kanton Baselland die Siedlungen Reinach als wandernde Siedlung und Lausen-Bettenach als ortsfeste Siedlung gezeigt. Für die Nordwestschweiz legte Reto Marti in seiner 2000 erschienen Dissertation einen Überblick über die Siedlungsentwicklung in der Nordwestschweiz von der Antike bis zur Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend vor. Das in der Spätantike bewirtschaftete Land wurde hier nach dem Abzug der römischen Truppen in reduzierter Form von der verbliebenen gallorömischen Bevölkerung weiter genutzt. Etwa seit den 530er Jahren sind fränkische Siedler zu beobachten. Sie lassen sich in Bereichen antiker Verkehrsknotenpunkte und ehemaliger landwirtschaftlicher Anlagen nieder, was auf ein bewusstes Inbesitznehmen vorhandener Wirtschaftsstrukturen hinweist. Im Laufe eines weiteren Siedlungsschubes im 7. Jahrhundert wurden bisher unbesiedelte Gegenden von alamannischen Einwanderern aufgesiedelt. | |||
Perspektiven |
Da noch keine mittelalterliche ländliche Siedlung vollständig ausgegraben wurde, sind Aussagen über die tatsächlichen Grössen der Siedlungen, die Anzahl der Gehöfte und die Bewohnerzahlen noch nicht möglich. Ein Bereich, der das Interesse der nächsten Zeit auf sich ziehen wird, sind die sozialen Strukturen innerhalb der Siedlungen. Die unterschiedlichen Bauformen und Baumaterialien und insbesondere auch das in einigen Siedlungen beobachtete Fundmaterial, das | |||
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von einer sozial hochstehenden Bevölkerung zeugt, deuten eine grosse Spannweite der sozialen Zugehörigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner an. Bei einigen besser erforschten Siedlungen kam man zu dem Schluss, dass es sich um spezialisierte Handwerkersiedlungen oder um Herren- oder Königshöfe gehandelt hat. Es stellt sich daher die Frage, wie eine »normale« ländliche Siedlung aussah. - Gab es eine »normale ländliche Siedlung« überhaupt? | ||||||
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Dr. Michael Schmaedecke Archäologie und Kantonsmuseum Amtshausgasse 7 CH-4410 Liestal michael.schmaedecke@ekd.bl.ch | ||||||
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Literatur K. Bänteli u. a., Berslingen - ein verschwundenes Dorf bei Schaffhausen. Mittelalterliche Besiedlung und Eisenverhüttung im Durachtal. Schaffhauser Archäologie 3, Schaffhausen 2000. W. Guyan, Erforschte Vergangenheit. Schaffhauser Frühgeschichte, Bd. 2, Schaffhausen 1971, 187212. M. Höneisen (Hrsg.) Das frühmittelalterliche Schleitheim. Siedlung, Kirche und Gräberfeld. Schaffhauser Archäologie 5 (in Vorb.). P. Lavicka, Eine Eisengewerbesiedlung des 9. bis 12. Jahrhunderts in Liestal-Röserntal, in: M. Schmaedecke (Bearb.), Ländliche Siedlungen zwischen Spätantike und Mittelalter. Beiträge zum Kolloquium in Liestal (Schweiz) vom 13. bis 15. März 1995. Archäologie und Museum 33, Liestal 1995, 2734. J. Leckebusch, P. Nagy, A. Matter, Ein Prospektionsprojekt in der Wüstung Unterstammheim ZH. Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 83, 2000, 149176. R. Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der Nordwestschweiz (4.10. Jahrhundert). Archäologie und Museum 41, Liestal 2000. W. Meyer u. a., «Heidenhüttli». 25 Jahre Wüstungsforschung im schweizerischen Alpenraum. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte des Mittelalters 23/24, Basel 1998. B. Privati, Sézegnin GE: une unité agricole du haut Moyen Age. Archäologie der Schweiz 9, 1986,1, 919. M. Federici-Schenardi, R. Fellner, Develier-Coutételle (Jura). Un habitat du Haut Moyen Age. Helvetia Archaeologica 118/119, 1999, 4857 (dort noch weiter Aufsätze zur selben Siedlung). M. Schmaedecke, Die frühmittelalterliche Siedlung Lausen-Bettenach, In: M. Schmaedecke (Bearb.), Ländliche Siedlungen zwischen Spätantike und Mittelalter. Beiträge zum Kolloquium in Liestal (Schweiz) vom 13. bis 15. März 1995. Archäologie und Museum 33, Liestal 1995, 1726. M. Schmaedecke, Handwerke in mittelalterlichen ländlichen Siedlungen der Schweiz. Ruralia II., Památky Archeologické, Supplementum 11, Prag 1998, 1324. J. Schneider u. a., Der Münsterhof in Zürich 1. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 9, Olten, Freiburg i. Br. 1982. M. Senn-Luder, V. Serneels u. a., Die Eisenverarbeitung in der Schweiz vor dem Hochofenverfahren: Karte der eisenindustriellen Funde. Minaria Helvetica 13b, 1993, 8490. H. R. Sennhauser, Frühmittelalterliche »Holzkirchen« im Tessin. Archäologie der Schweiz 17, 1994, 7075. V. Serneels, Du minéral à l'objet: un village de sidérurgistes du IXe au XIIe siècle à Liestal-Röserntal BL/Suisse, in: M. Schmaedecke (Bearb.), Ländliche Siedlungen zwischen Spätantike und Mittelalter. Beiträge zum Kolloquium in Liestal (Schweiz) vom 13. bis 15. März 1995. Archäologie und Museum 33, Liestal 1995, 3543. | ||||||
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»Der Reichsführer SS wird sich für positive Ergebnisse an den Externsteinen stark interessieren.«Die Mittelalterarchäologie im Spannungsfeld nationalsozialistischer Forschung und Propaganda | ||||
Uta Halle, Detmold |
Das Zitat im Titel stammt aus einem Schreiben, das der leitende Mitarbeiter des Ahnenerbes der SS, Joseph Plassmann, Ende April 1940 an den Münsterschen Archäologen August Stieren schickte. Es ist an dieser Stelle verkürzt wiedergeben und soll im folgenden im Zusammenhang vorgestellt werden. »Wir haben hier an einem Felsen der Externsteingruppe zahlreiche Spuren künstlicher Herrichtung festgestellt, die bis in die vorgeschichtliche oder frühgeschichtliche Zeit zurückzugehen scheinen. Flachwände, die mit dem Spitzmeißel behauen sind, sind ganz unverkennbar. Außerdem scheinen einige damit zusammenhängende Erdbewegungen vorgenommen zu sein. Auffallend ist dabei, daß ein berühmter Felsbeschmierer des 18. Jahrhunderts namens Kieselack sich gerade an dieser Stelle verewigt hat. Wenn es Ihre Zeit einmal erlaubt, so wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie gelegentlich einmal hierin kommen und sich die Sache ansehen wollten. Der Reichsführer SS wird sich für positive Ergebnisse an den Externsteinen, die ja bisher nicht allzu reichlich waren, sehr stark interessieren.«1 Dieses Dokument ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen möchte die SS den Münsterschen Archäologen, der bislang nur partiell mit der SS zusammenarbeitete, zu einer weiteren und vielleicht auch engeren Mitarbeit gewinnen. Zum anderen enthält dieser Brief erstmals die Aussage, daß die Ausgrabungen 1934/35 an den Externsteinen, von denen die zweite Grabungskampagne unter der Kontrolle der SS gestanden hatte, nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht hatten. Stieren hatte 1932 wenige Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten als beauftragter Bodendenkmalpfleger für den damaligen Freistaat Lippe, eine Sondierungsgrabung an den Externsteinen vorgenommen. Als abschließendes Ergebnis seiner Grabung, die zu einer Prognose bezüglich großflächiger Grabungen an den Externsteinen führen sollte, hielt Stieren zusammenfassend fest, daß »die Aussicht, Bodenspuren mit ungestörter Schichtlagerung hier anzutreffen, ... gering« wäre. Auslöser für die Sondierungsgrabung des Jahres 1932, die nach Grabungen 1881 und 1888 die dritte uns bekannte archäologische Untersuchung an den Externsteinen ist, waren die Theorien des völkischen Laienforschers Wilhelm Teudt. Dieser sah in den Externsteinen seit Mitte der 20er Jahre ein »germanisches Heiligtum« und sprach die Felsen als Standort der Irminsul, des sächsischen Hauptheiligtums an. Stierens Ergebnis hatte die Ergebnisse der Grabung in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, bei denen die Suche nach dem Schlachtfeld der Varusschlacht bzw. die Ausdeutung der Externsteine als mittelalterlicher Wallfahrtsort als Auslöser anzusehen sind, bestätigt. »Germanische« Spuren hatte Stieren nicht finden können, sondern nur stark gestörte Schichten mit Fundmaterial des 10. bis 19. Jahrhunderts. Der Januar 1933 brachte den Nationalsozialisten die Macht, Macht, an der der völkische Laienforscher Wilhelm Teudt obwohl nicht Parteimitglied partizipieren konnte. Teudt war es, der den Nationalsozialisten vorschlug, die Externsteine in einen »Heiligen Hain« umzuwandeln, die Felsen durch den Neubau einer Straße vom Autoverkehr zu befreien und den romantischen Teich, eine Zutat des frühen 19. Jahrhunderts abzulassen, um so dort die notwendige Ruhe herzustellen. Der völkische Laienforscher konnte sich mit | |||
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1 Alle Angaben zu diesem Brief und den weiteren Aussagen zu den Externsteineausgrabungen sind der Arbeit U. Halle: »Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!« Eine dokumentarische Studie zur prähistorischen Archäologie im Spannungsfeld völkisch-nationalsozialistischer Wissenschaft und Politik« entnommen, deren Druck in Vorbereitung ist. Vgl. U. Halle: Im Spiegel archäologischer Quellen: Das Mittelalter und die frühe Neuzeit. In: Buchner, J. (Hrsg.), Stadtgeschichte Horn 12481998, (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe Bd. 53), Horn 1997, S. 3261 u. 587589. | ||||
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seinen Vorstellungen bei den lokalen und regionalen Machthabern durchsetzen. Auf Reichsebene fand er mit Heinrich Himmler 1934 einen mächtigen Verbündeten. Die Umgestaltungsarbeiten an den Externsteinen machten eine archäologische Grabung unumgänglich. Teudt suchte sich den Münsterschen Geologen Julius Andree als Grabungsleiter aus, denn dieser hatte sich in den Jahren zuvor noch niemals gegen seine Theorien ausgesprochen. Man versprach Andree, der sich als Ausgräber der Balver-Höhle einen Namen gemacht hatte, die Möglichkeit zur Untersuchung der Externsteine auf eine paläolithische Besiedlung. Andree grub in zwei Kampagnen 1934 und 1935 mit dem Arbeitsdienst. Für die Kampagne 1934 interpretierte Andree die freigelegten Befunde ganz im Sinne Wilhelm Teudts: »Germanisches Heiligtum, zerstört durch Karl den Großen«. Für die Kampagne 1935 gab er diese Interpretation auf, denn die Zeiten hatten sich geändert, Wilhelm Teudt hatte seinen Verbündeten auf Reichsebene, Heinrich Himmler, zum Teil verloren. Statt dessen hatte die SS sich den Fremdenführer an den Felsen als Spitzel gekauft, der die Ausgrabung ständig beobachtete. Außerdem hatte Hitler im September 1935 auf dem Reichsparteitag öffentlich Karl den Großen nicht als »Sachsenschlächter» gebrandmarkt, sondern ihn als Reichseiniger charakterisiert. Für Andree anscheinend ausschlaggebende Gründe, sich für die Interpretation der Befunde möglichst eng an die öffentlichen Propagandavorstellungen der Nationalsozialisten zu halten. Da wurde eine eingetiefte, nicht ausgesteifte Erdgrube zum »Kultschacht«, in den während einer Zeremonie symbolisch die »Asche der verstorbenen herausragenden Toten« eingebracht worden sei. Diese Andreesche Interpretation erinnert stark an die alljährlichen politischen Inszenierungen der Nationalsozialisten zum Gedenken an die beim Marsch auf die Feldherrnhalle 1923 getöteten Parteimitglieder. Seine Interpretationen der Befunde hatte der Grabungsleiter Andree ohne Druck von seiten der Politiker aufgestellt. Warum stelle ich in einem Beitrag zur Mittelalterarchäologie im Dritten Reich die Externsteine vor? Wir verbinden hiermit doch an erster Stelle die großflächigen und bedeutenden Siedlungsgrabungen in Haithabu, Hohenrode im Südharz oder Gladbach/Kr. Neuwied (1937), die stadtkernarchäologischen Untersuchungen in Wollin (ab 1934), die Kirchengrabungen im Braunschweiger Dom, in der Servatii-Kirche in Quedlinburg, in der Stiftskirche zu Xanten (1933/34) oder an der Pfalz Werla. Nun, die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach. Die Ausgrabungen an den Externsteinen werden vielfach als Synonym für initiierte archäologische Zweckforschung angesehen. Oder wissend um die Auseinandersetzung um die Wissenschaft während des Dritten Reiches zwischen den Mitarbeitern des Amtes Rosenberg und denen des Ahnenerbe der SS, wurden die Ausgrabungen immer in den Verantwortungsbereich der jeweils anderen Organisation geschoben. So stellte schon Karl-Hermann Jacob-Friesen 1950 fest, daß die Ausgrabungen an den Externsteinen durch das Amt Rosenberg gefördert worden seien. Eine genaue Auswertung der zeitgeschichtlichen und archäologischen Quellen offenbart aber den bedeutungsschweren Einfluß der damaligen völkischen Laienforschung mit ihren Auswirkungen auch auf den Grabungsleiter. Und die archäologischen Quellen in diesem Fall lassen sich aber aufgrund der ungenügenden Grabungsdokumentation kaum noch Rückschlüsse auf die eigentlichen Befunde ziehen und deshalb können nur die Funde angesprochen werden , zeigen eindeutig den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Charakter der Felsgruppe. Wir haben einen geringen Anteil Keramik des 10./11. Jahrhunderts, einen höheren Anteil an reduzierend gebrannten Irdenwaren mit Dekoren, wie sie typisch für | ||||
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den ostwestfälisch-lippischen Raum sind, und die ins 12./13. Jahrhundert zu datieren sind. Ferner sind frühneuzeitliche Scherben des 17.19. Jahrhunderts im Keramikmaterial vorhanden. Die Metallfunde bestätigen den chronologischen Ansatz: ein Stachelsporn, der über Vergleichsfunde in frühe 12. Jahrhundert datiert werden kann, Armbrustbolzen, Hufeisen des 12./13. Jahrhunderts, eine Glocke mit Parallelfunden aus dem 14. Jahrhundert, ein Spanner für ein Radschloßgewehr aus dem 17. Jahrhundert. Glasfunde sind nur für das 17.19. Jahrhundert nachzuweisen. Die Suche nach dem angeblichen »germanischen« Heiligtum aus der Zeit vor der Christianisierung liefert in unbeabsichtigter Weise Befunde und Funde für die Mittelalterarchäologie, ohne daß dies in der Zeit zwischen 1934 und 1945 bzw. in den folgenden Jahrzehnten gewürdigt oder ausgewertet wurde. Die Teudtschen Theorien und die Interpretationen Andrees wurden in die nationalsozialistische Propaganda übernommen. Erstmals fand noch während der laufenden Grabung 1935 eine Sommersonnenwendfeier an den Externsteinen statt. Wenige Wochen zuvor war jüdischen Mitbürgern der Zutritt zu den Felsen untersagt, weil sie, wie es im damaligen Deutsch hieß »für die Ausgestaltung des germanischen Heiligtums doch nicht das nötige Verständnis aufbringen« könnten. Seit diesem Zeitpunkt wurden bis Kriegsbeginn die Sommer- und Wintersonnenwendfeier an den Externsteinen wiederholt. Weiterhin wurden an dieser Stelle SS-Mannschaften vereidigt, u. a. die SS-Männer, die von den Externsteinen kommend am 9. November 1938 die Synagoge in der benachbarten Stadt Detmold in Brand setzten. Einen aus nationalsozialistischer Sicht Höhepunkt erlebten die Externsteine im Mai 1939, als bei der »Westfalenfahrt der Alten Garde« 700 »alte Kämpfer« der NSDAP dorthin gebracht wurden. Die Ausgrabungen an den Externsteinen scheinen auf den ersten Blick als ein singulärer Fall dazustehen. Trotzdem stehen die archäologischen Untersuchungen an den Externsteinen mit dem erkennbar gewordenen Spannungsfeld zwischen völkischer Laienforschung, wissenschaftlicher Fehldeutung und Übernahme in die nationalsozialistische Propaganda stellvertretend für mehrere andere archäologische Untersuchungen, die zwischen 1933 und 1945 stattgefunden haben und bei denen sich ein vergleichbares Muster erkennen läßt. Zu nennen wären hier die Ausgrabungen im Braunschweiger Dom, in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg. Im Falle der Stiftskirche St. Servatii hatte sich die Stadt Quedlinburg im Herbst 1935 an »oberste Reichsstellen« gewandt, um sie für die Feiern des tausendjährigen Todestages König Heinrichs I. Himmlers historischer Lieblingsperson , am 2. Juli 1936, zu gewinnen. Innerhalb der SS erkannte man, daß diese Anfrage der Stadt Quedlinburg »propagandistisch ... geradezu ein Geschenk des Himmels« war.2 Dieses »Geschenk des Himmels« ließ die SS nicht ungenutzt und so fand dort eine Grabung nach dem Grab Heinrichs I. (1936) und nach der Baugeschichte der Kirche 19381942 statt, alle unter der Oberaufsicht der SS, die diese auch propagandistisch vermarktete, z. B. über ein Sonderheft Germanien mit Aufsätzen mit Themen zu Heinrich I. Bislang noch weitestgehend unbekannt ist die politische Dimension der archäologischen Westforschung zum Frühmittelalter in den von Deutschland besetzten Nachbarländern. Hitler hatte seit 1934 die Ausdehnung des deutschen Reiches auch nach Westen hin propagiert und 1935 in einer Rede auf dem Reichsparteitag öffentlich ein neues Bild zu Karl dem Großen vorgestellt. Nun war Karl nicht mehr der Sachsenschlächter, nun war Karl der große Reichseiniger, mithin eine positive Identifikationsfigur. Dies erfor | ||||
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2 K. Voigtländer: Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Berlin 1989. Hier S. 38 Anm. 5. | ||||
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derte und ermöglichte von der Frühmittelalterarchäologie ein Eingehen auf das germanische Erbe im westfränkischen Boden. Wie der politische Hintergrund hierzu aussah, möchte ich mit einigen Zitaten aus zeitgenössischen Briefen und Veröffentlichungen erläutern. Erste Vorgaben von politischer Seite stammen aus dem Jahr 1938 und lassen sich in einem Schreiben des rheinischen Kulturdezernenten Hans-Joachim Apffelstaedt nachweisen. Dieser charakterisierte im Juli 1938 als Aufgabe für die prähistorische Forschung:3 »Das Hinübergreifen in der Forschung auf die stammverwandten Niederlande und Nordfrankreich, um in zielbewußter Arbeit das Primat der französischen Forschung, das zugleich ja ein geistiges französisches Aktivum in diesen Ländern darstellt, zu brechen.« Noch weiter gefaßt sind die Aufgaben, die der Archäologe Wolfgang Dehn während des Krieges für die archäologische Westforschung für alle Zeitabschnitte also auch für die Frühmittelalterforschung öffentlich skizzierte: Die Aufgaben sollten nicht nur auf Frankreich greifen, »sondern ebenso sehr auf die anderen westlichen Nachbarländer bis zur iberischen Halbinsel und selbst nach der britischen Insel über«.4 Und zu den Forschungen zur fränkischen Zeit äußerte er sich an gleicher Stelle: »man (wird) weitergehen müssen und vor allem die Rolle der Franken durch eine umfassende Aufnahme der Bodenfunde zu bestimmen suchen. Daß das nicht im Sinne einer engherzigen-chauvinistischen Betrachtungsweise zu geschehen braucht, dafür bürgt die Haltung der deutschen Wissenschaft als Führer zur geistigen europäischen Einheit, wie sie im Frankenreich zum erstenmal in Erscheinung trat.« Damit die Wissenschaftler diese umfassenden Ziele verfolgen konnten, erschien es ihnen »nötig, daß wir uns in dieser Angelegenheit selbst rühren, weil man einmal nicht von den zuständigen Stellen erwarten kann, daß sie etwas von den Belangen der Vorgeschichtsforschung verstehen«.5 Als »wichtige Arbeit« erschien den Wissenschaftlern »die Aufarbeitung der Museumsbestände«, »das Material, das in belgischen und französischen Museen liegt«, vor allem aus der fränkischen Zeit.6 Kurt Tackenberg sah dies als »höchst wichtige und unumgängliche Ergänzung«. Die Begründung für dieses Vorgehen läßt aber die deutsche mentale Voreingenommenheit deutlich erkennen, denn dort heißt es: »gute Publikationen von Fundstoffen von deutscher Seite aus (würden) nicht tot zu schweigen sein. Dortige Forscher würden auch nach Jahrzehnten auf diese Arbeiten zurückgreifen müssen.«7 Die Archäologen machten sich auch Gedanken darüber, wie die Arbeit organisiert werden sollte und so entwarf ein W. Kersten, ein Schüler Merhards, den dieser 1933 als »PG. seit 1932« an die Dienststelle des Provinzialverbandes Rheinland empfohlen hatte: »Der nördliche Teil der Niederlande könnte von der Wurtenforschung und von Münster bearbeitet werden, der südliche von Bonn und von Dr. Tischler«; Belgien sollte vom Landesmuseum Trier gesteuert werden, für Frankreich käme auch »Trier am ehesten in Frage«. Für Luxemburg hatte sich »das Landesmuseum Trier schon immer sehr interessiert«. Kersten schloß den Brief mit dem Wunsch »Ich hoffe, daß die Reichsführung SS oder das Ahnenerbe ... eingreifen kann.« Während die Archäologen schon ab 1938 die ersten Überlegungen zur Arbeit in den benachbarten westeuropäischen Länder andachten, leiteten andere Wissenschaftler gleichzeitig aus der Westforschung auf die östlich angrenzenden Länder über. Bolko von Richthofen, Professor für Vorgeschichte an der Universität Königsberg, vermerkte zur Frühmittelalterforschung im Rheinland und den angrenzenden Gebieten:8 | ||||||
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3 Schreiben Apffelstaedts an Tackenberg vom 25.7.1938. Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland, Nr. 11424. 4 W. Dehn, Die deutsche Vorgeschichtsforschung und der europäische Westen, in: Europäischer Wissenschafts- Dienst 1943, Nr. 4, S. 1112, hier S. 11. 5 Schreiben W. Kerstens an Jankuhn vom 18.7.1940. Bundesarchiv Documentcenter Berlin Materialien W. Kersten. 6 Schreiben Tackenbergs an das Ahnenerbe vom 30.9.1940. Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland 11272. Vgl. B. Bouresh, Die Neuordnung des Rheinischen Landesmuseums Bonn 19301939. Zur nationalsozialistischen Kulturpolitik der Rheinprovinz, Bonn 1996, S. 199. 7 Wie Anm. 6. 8 B. von Richthofen, Neue Forschungen zur Volks- und Kulturgeschichte des Rheinlandes und der westlichen Nachbarstaaten Großdeutschlands. Sonderdruck aus Altpreußen Jg. 4, 1938, Heft 2. | ||||||
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»Es handelt sich hier auch um Forschungen, die für uns im deutschen Osten ihre besondere Bedeutung haben«, denn dort hätten es ja nur eine »Zeit des slawischen Zwischenspiels« gegeben, denn die besondere »Wichtigkeit des fränkischen Reiches und seiner Kultur« läge »in der Wiedergewinnung der ostelbischen Lande«. Alle diese Zitate stammen aus Veröffentlichungen bzw. Briefen aus der Zeit zwischen 1938 und 1941, und durch die Formulierungen wird deutlich erkennbar, daß es keine direkten Vorgaben oder ausdrücklichen Befehle von oben an die Wissenschaftselite gab, sondern daß es sich hierbei um ausgesprochene Eigeninitiative handelte. Man kann sich leicht vorstellen, daß diesen Wissenschaftlern die Teilnahme am sogenannten »Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften« nicht schwerfiel, denn nun bot ihnen die aktuelle Politik die erwünschten Chancen zur wissenschaftlichen Arbeit. Ihre scheinbar harmlosen Forschungsergebnisse wurden in vielfacher Hinsicht u. a. auch auf ihre Verwendbarkeit für die »Germanisierungspolitik« des Reichssicherheitshauptamtes der SS untersucht und von dieser Parteistelle dahingehend überprüft. Die Archäologen lieferten mit ihren Forschungen gleichzeitig das wissenschaftliche Fundament für die geplante endgültige Annexion der Niederlande, Belgiens und Nordfrankreich, und sie legitimierten den Gebietsanspruch im Osten. Auf diesem Weg erreichte die Mittelalterarchäologie Berührungspunkte mit den Entscheidungen nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Hier liegt noch ein weites Desiderat nicht nur der Mittelalterarchäologie, sondern ebenso der anderen Teildisziplinen unseres Faches, denn viele der vorgestellten Zitate beziehen sich nicht nur auf das Frühmittelalter, sondern auch auf die vorgeschichtlichen Perioden. Archäologische Arbeit erfordert es, die Befunde und Funde sorgfältig zu dokumentieren, eine langwierige Aufgabe, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 dazu führte, daß kaum Veröffentlichungen aus der Spätphase vorhanden sind. Die Wissenschaftler konnten aber trotzdem auf die gemachten Ergebnisse zurückgreifen, und sie unter den demokratischen Bedingungen der Bundesrepublik publizieren. Sie brauchten sie nicht umzuschreiben, nicht das verräterische Vokabular zu entfernen und durch unbelastete Wörter zu ersetzen, wie dies für viele historische Werke gemacht werden mußte. Dieser Beitrag soll nicht abgeschlossen werden, ohne an dieser Stelle an die Opfer zu erinnern, Opfer und Leiden, die auch die Archäologen wahrnahmen. Das Beispiel ist nicht aus der Mittelalterarchäologie. Im SS-Sonderlager Hinzert bei Hermeskeil im Hunsrück, ein Lager, in dem zwischen 1939 und 1945 ca. 20000 Häftlinge litten, war der Archäologe Gustav Riek als Schulungsoffizier eingesetzt. Riek selber schrieb über die Häftlinge an Weihnachten 1940, daß sie »unfähig [wären], mit den zur Zeit gültigen Gesetzen zu leben«, skizzierte die Haftbedingungen im Lager als »erschwerte Freiheitsbedingungen« und beschrieb ungerechtfertigte und willkürliche Strafmaßnahmen als »Platzen der dicksten eisernen Reifen der Geduld«.9 Die Leiden der dort Inhaftierten hat der ehemalige Häftling Albert Kaiser in einem Linolschnitt festgehalten. Dieser Linolschnitt wurde im Jahr 2000 von Rheinischen Landesmuseum Trier in einer archäologischen Ausstellung und Publikation veröffentlicht.10 Vielleicht regt er unser Fach an, sich der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Wissenschaftsgeschichte stärker zu stellen, als dies bislang erfolgte. | ||||
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9 Bericht »SS-Sonderlager ,Hinzert'« von Riek vom 26.12.1940. Bundesarchiv Documentcenter Berlin, Materialien G. Riek. 10 F. Unruh u. a.: Morituri. Menschenopfer Todgeweihte Strafgerichte. Trier 2000. | ||||
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Geringfügig veränderte Fassung des Vortrags vom 12.9.2000 vor der Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit zum Schwerpunktthema »Das vergangene Jahrtausend. Aspekte der Forschungsgeschichte«. Der Vortrag wurde um die wesentlichen Quellenangaben ergänzt. Zum Forschungsstand Archäologie und Nationalsozialismus vgl. Halle, U./Schmidt, M., »Es handelt sich nicht um Affinitäten von Archäologen zum Nationalsozialismus das ist der Nationalsozialismus«. Bericht über die internationale Tagung »Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 19331945 (Berlin 19.23. November 1998)«. In: Archäologische Informationen 22, 1999, S. 4152. | ||||
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Dr. Uta Halle Bärenort 2 32694 Dörentrup | ||||
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